Gesundheit

Ungebetener Mitbewohner

Mitte Oktober „klingelte“ es an meiner Tür. Ich öffnete und sah in das Gesicht eines komischen Geschöpfs, das wie ein Krebs aussah. Das Wesen stellte sich nicht vor, sondern stieß einfach die Türe auf und meinte, dass es ab sofort hier wohnen würde und ich auch nicht gefragt würde, ob ich es beherbergen wolle. Sowas liebe ich ja – von einer Minute auf die andere das Leben fremder Menschen auf den Kopf zu stellen und dann nicht mal irgendwelche Gründe oder Optionen nennen. Man kommt da ja schon gewaltig ins Strudeln und weiß erst mal nicht so recht, was man tun soll. Aber nicht mit mir!

Anfangs wollte es nicht so recht mit der Sprache heraus, wer und was es denn nun tatsächlich ist und was es mit mir vor hat. Das änderte sich dann aber sehr schnell. Innerhalb weniger Wochen war ich in eine Maschinerie eingebunden und wurde von Kopf bis Fuß durchgecheckt. So viele Arztbesuche wie in den letzten 6 Wochen hatte ich in den letzten 5 Jahren nicht.

Heute kenne ich den Vornamen und was mich erwartet. Ich habe also tatsächlich Lungenkrebs vom Typ „Plattenephitelkarzinom“ (nicht kleinzellig) und bereits Metastasen in den Lymphknoten auf der rechten Halsseite und geschwollenen Lymphknoten an den Bronchien. Und nein, ich hatte und habe so gut wie keine Symptome. Wenn die geschwollenen Knoten am Hals nicht sichtbar geworden wären, wüsste ich noch immer nichts von meinem Mitbewohner. Der Herd sitzt im rechten Lungenflügel und ist, gemessen an der Größe des Lungenflügels, nicht sehr groß. Allerdings machen sich mitlerweile Symptome bemerkbar: Mein Brustkorb fühlt sich hin und wieder an, als wäre da ein Ballon drin und das mit der Luft ist ebenfalls etwas schlechter geworden. Ich verliere kein Gewicht, habe kein Fieber und fühle mich auch ansonsten nicht krank.

Der Sitz der geschwollenen Lymphdrüsen und die weit vom Herd entfernten Metastasen machen meinen Ärzten allerding etwas Sorgen. Entfernen ist nicht so einfach. Am Freitag war die Tumorkonferenz und danach erfuhr ich, dass ich doch noch zum PET-CT nach Hildesheim muss und ein HNO-Arzt soll mich ebenfalls noch durchchecken. Dann wird in einer zweiten Tumorkonferenz entschieden, ob ich eine vorbereitende Chemo bekomme, damit die geschwollenen Knoten abschwellen und ich dann operiert werden kann, oder ob das eben nicht geht und ich palliativ behandelt werden muss. So weit, so gut. Oder auch nicht. Das Wort „palliativ“ hört sich nicht gut an.

Wie ich damit umgehe?

Zuerst bin ich in ein unglaublich tiefes Loch gefallen und habe geheult was das Zeug hielt. Dann kam eine Phase der Vernunft und ich konnte mir klar machen, dass ich ein Riesenglück mit meinem Hausarzt habe, der sofort richtig reagiert hat. Die Sonographie am Hals hat er noch selbst gemacht, mich aber dann sofort weitergeleitet: CT vom Hals, CT Brust und Bauch, Überweisung zum Onkologen. Der dann weitere Untersuchungen angeleiert, ein MRT vom Kopf (der ist sauber) angeordnet und selbst eine Biopsie vom Knoten am Hals durchgeführt hat. Das alles innerhalb von 3 Wochen (ich wundere mich direkt, dass das auch hier auf dem Land möglich ist, wo Ärzte Mangelware sind) und mit der Präzission eines Uhrwerks. Das lässt mich tatsächlich echt (be)ruhig in die Zukunft sehen.

Natürlich habe ich zwischendrin schlimme Träume und manchmal triggert mich ganz plötzlich ein Lied oder ein Text. Dann steigen eben die Tränen hoch und es schüttelt mich ordentlich durch. Aber ich habe wundervolle Menschen um mich herum. Mein Mann fängt mich dann auf, seine Tochter ist ein wundervoller Anker und im Freundeskreis werde ich gehalten und auch mal aus einer depressiven Phase herausgeholt. Da sind Menschen, die einfach nur da sind und mir zuhören, die in dieser Hinsicht selber schon einiges auf dem Buckel haben und die verstehen, was mich manchmal durchschüttelt, wovor ich eine Höllenangst habe. Nicht vor dem Sterben, eher vor dem, was die Chemo mit mir macht. Meinen Wunsch, mich nicht als Kranke zu behandeln, respektieren sie alle. Bei den Online Nähtreffen jeden Donnerstag wird viel gelacht. Allerdings bin ich zur Zeit noch etwas blockiert, was mein Hobby betrifft. Ich denke, dass sich das wieder legt.

Trotzdem habe ich Pläne.

In Ermangelung einer Selbsthilfegruppe hier in erreichbarer Nähe werde ich einen Online-Gesprächskreis für #lungenkrebs.betroffene ins Leben rufen, sobald ich die ersten Therapiesitzungen hinter mir habe. Könnte ja sein, dass ich die Chemo schlecht vertrage und dann müsste ich alles bis dahin angeleierte absagen. Fest steht aber jetzt schon – eigentlich von Anfang an – Aufgeben ist keine Option. Ich nehme die Herausforderung an und ich werde diesen Mitbewohner nicht nur in die Schranken weisen, sondern auch wieder ausquartieren. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jedem ungebetenem Gast ein Zimmer in unserem Haus anbieten? Ich habe dieses Prozedere schon einmal hinter mich gebracht und damals, vor fast 40 Jahren, waren noch ganz andere Zeiten. Trotzdem habe dem Herrn Gevatter eine lange Nase gemacht und dieser Herr kann ganz sicher sein, dass ich das noch einmal schaffe. Ich bin erst 71 Jahre alt und würde gerne noch viele Quilts nähen und Gäste empfangen. Außerdem möchte ich unser schönes Haus und Garten noch lange genießen können.

Warum ich das hier geschrieben habe?

Weil ich Mut machen will. Niemand ist allein.

Das Thema Krebs ist noch immer sehr tabuisiert. Menschen mit dieser Diagnose wissen oft nicht, wohin mit ihren Gedanken und Ängsten. Es ist ein gewaltiger Einschnitt im Leben Betroffener. Und gerade vom #lungenkrebs.betroffene finden kaum Hilfe außerhalb der Arztpraxen. In Städten mag das etwas besser sein, aber hier auf dem platten Land ist es so gut wie unmöglich, Ansprechpartner und Selbsthilfegruppen zu finden. Die nächste reale Gruppe ist fast 80 km weit weg. Zu weit, um regelmäßig dort hinzufahren. Zumal man während der Chemo gar nicht Auto fahren darf und ich in der dunklen Jahreszeit sowieso nur dann fahre, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt..

Ich gehöre seit Jahren zur Risikogruppe, schließlich war ich bis vor 12 Jahren Raucherin. Meine Mutter hatte COPD und es gab einen weiteren Betroffenen in der Familie, aber das ist schon sehr, sehr lange her. Ich weiß, dass auch beim Lungenkrebs viele Faktoren eine Rolle spielen. Nicht umsonst habe ich sämtliche Impfungen während Corona mitgenommen und mich in der Hochphase gegen eine Ansteckung weitestgehend abgeschottet. Das hat auch meiner Lebensqualität geschadet und mich sehr verändert. Trotzdem habe ich nun diese Mörderdiagnose und muss mich wieder einmal neu sortieren und orientieren.

Kontakt

Wer mich kontaktieren möchte, findet meine E-Mail Adresse im Impressum, oder hinterlässt hier direkt auf dieser Seite eine Nachricht. Da jeder Beitrag durch mich freigeschaltet werden muss (er erscheint nicht automatisch), funktioniert die Kontaktaufnahme auch ohne unerwünschte MitleserInnen. Also #traudich ruhig. Ich antworte auf jeden Fall und auf Wunsch selbstverständlich auch „hinter den Kulissen“.

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Ulrike

Ehefrau, Gastgeberin, Gärtnerin, Köchin, Leseratte, Patchworkerin, Bloggerin, Schottlandverliebt, Frankreichfan mit Hugenottenblut. Mit einer unheilbar positiven Lebenseinstellung.

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